Sehen lernen – Outdoorfotografie in Norwegens Bergwelt

Trekker im Schneefeld in wunderschöner Berglandschaft Norwegens
 

Dem Alltag entfliehen

Während in der Schweiz diesen Sommer die dritte Hitzewelle ihren Höhepunkt erreichte, zog es mich einmal mehr Richtung Norden. Zu zweit waren wir knapp drei Wochen mit Zelt in Norwegen unterwegs – zuerst im Jotunheimen-Nationalpark, später rund um den Hardangerjøkulen-Gletscher. Solche Rückzüge in die Natur gehören für mich seit vielen Jahren dazu. Nicht, weil ich möglichst viele Kilometer zurücklegen oder Gipfel sammeln möchte, sondern weil ich dort etwas finde, das im Alltag oft zu kurz kommt: Ruhe und Achtsamkeit.

Ruhe heisst allerdings nicht, dass die Tage gemütlich sind. Alles, was wir für die Tour brauchten, trugen wir auf dem Rücken – inklusive Verpflegung für zwölf Tage. Entsprechend schwer waren die Rucksäcke. Der Start fiel zudem deutlich winterlicher aus als erwartet. Während zuhause Badewetter herrschte, empfingen uns Temperaturen um fünf Grad, nachts fiel das Thermometer teilweise deutlich unter null und ab und zu mischte sich sogar etwas Schnee darunter. Mütze und Handschuhe gehörten in den ersten Tagen zur Standardausrüstung.

Nicht immer lief alles wie geplant. Auf dem Surtningssue, dem siebthöchsten Berg Norwegens, wollten wir nach dem steilen und anstrengenden Aufstieg durch losen Blockschutt eigentlich in einer Schutzhütte übernachten. Vor Ort stellte sich allerdings heraus, dass diese dummerweise fast ganz mit hart gefrorenem Schnee gefüllt war. Also blieb uns nichts anderes übrig, als nach dem Gipfel den langen Abstieg ebenfalls noch anzuhängen. Am Ende summierten sich Auf- und Abstieg auf rund 3'500 Höhenmeter. Rückblickend ist das eine dieser Geschichten, über die man schmunzeln kann. An diesem Abend waren wir allerdings einfach nur froh, endlich das Zelt aufstellen und uns ausruhen zu können.


Wenn sich die Welt langsamer dreht

Mehrere Tage am Stück draussen unterwegs zu sein und Wind, Regen, Sonne und Kälte unmittelbar zu erleben, macht etwas mit mir. Der Alltag wird plötzlich sehr einfach: aufstehen, frühstücken, das Zelt abbauen, wandern, einen schönen Platz zum Übernachten suchen und am Abend wieder kochen. Gleichzeitig bleibt das Handy im Flugmodus, weil es ohnehin meist keinen Empfang gibt. Kein Hetzen von einem Termin zum anderen, keine lange To-do-Liste. Das entschleunigt. Ich fühle mich geerdet und nehme meine Umgebung wieder bewusster wahr.

Natürlich beeindrucken die grossen Landschaften. Die Gipfel, Gletscher und weiten Täler ziehen den Blick sofort auf sich. Irgendwann beginnt man aber auch, den kleinen Dingen mehr Beachtung zu schenken: Flechten, Moosen oder winzigen alpinen Blüten, die man im Alltag wahrscheinlich kaum wahrnehmen würde.

An einem Abend fotografierten wir fast eine Stunde lang genau solche Details. Vermutlich hätte jeder, der vorbeigekommen wäre, den Kopf geschüttelt. Zwei Fotografen, die bäuchlings zwischen Steinen liegen und Flechten fotografieren. Für mich war das einer der schönsten Momente der ganzen Reise. Nicht wegen der Bilder allein, sondern weil einem dabei wieder bewusst wird, was für unglaubliche Formen die Natur hervorbringt – vom winzigen Moos bis zur mächtigen Gletscherzunge – und wie alles miteinander zusammenspielt. Meine Faszination und mein Interesse für diese Zusammenhänge zwischen Mikro- und Makrokosmos waren letztlich auch der Grund, weshalb ich Geografie studiert habe.


Von der Steinwüste in die Üppigkeit

Nach den steinig-kargen Landschaften im Jotunheimen erreichten wir das Utladalen. Plötzlich war alles grün. Wasserfälle stürzten über die Felsen, Bergbäche schlängelten sich durch blühende Wiesen, und nach den kalten Tagen luden die Seen sogar zum Baden ein.

Einige Tage später standen wir am Fuss des Hardangerjøkulen. Abseits der markierten Wanderwege biwakierten wir an zwei unvergesslichen Orten: Einmal direkt an einem Gletschersee mit treibenden Eisschollen und steiler Gletscherfront, ein anderes Mal oberhalb eines Gletscherabbruchs mit Blick auf mächtige Séracs. Das erinnerte mich ein bisschen an unsere Grönland-Expedition vor zwei Jahren! Das goldene Abendlicht liess das Eis dann in unzähligen Weiss- und Blautönen leuchten – für solche Momente lohnen sich die ganzen Strapazen.

Wieder genauer hinschauen

Ich glaube, genau deshalb fotografiere ich so gerne in den Bergen. Gute Bilder entstehen selten zufällig. Sie beginnen lange bevor man den Auslöser drückt – durch Achtsamkeit, Geduld und die Bereitschaft genau hinzuschauen. Sehen will gelernt – und geübt – sein.

Nach knapp drei Wochen ging es mit Zug und Fähre wieder zurück in die Schweiz. Geblieben sind nicht nur Erinnerungen an Gletscher, Fjäll und kalte Nächte im Zelt. Ich nehme jedes Mal auch etwas anderes mit nach Hause: die Erinnerung daran, wieder etwas genauer hinzuschauen. Im Alltag gelingt das nicht immer. Aber vielleicht reicht es schon, sich zwischendurch bewusst Zeit dafür zu nehmen.

Zelt hoch über dem Hardangerjøkulen im Abendlicht
 

Über den Autor

Martin Ramsauer ist Business-, Event- und Outdoor-Fotograf mit Studio in Zürich Oerlikon. Er fotografiert seit über 15 Jahren für Unternehmen, NGOs und Organisationen in der Schweiz und international. Zu seinen Schwerpunkten gehören Business Portraits, Corporate Fotografie, Employer Branding, Eventfotografie und Outdoorsport-Reportagen. Als diplomierter Geograf und Trekking-Guide verbindet er visuelles Storytelling mit Erfahrung in anspruchsvollen Arbeitsumgebungen. Dieselbe Aufmerksamkeit für Details und Geduld, die er auf mehrwöchigen Trekkingtouren entwickelt, bringt er auch in seine Arbeit als Business- und Portraitfotograf ein.

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